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Les Lieux: 'Theoretische Intervention'für die Aktion 'Bloch in Bern' von Com&Com (Johannes M. Hedinger & Marcus Lossollt)
  • Les Lieux: 'Theoretische Intervention'
    für die Aktion 'Bloch in Bern' von Com&Com (Johannes M. Hedinger & Marcus Lossollt) , 2012
Detail
  • Performance, Aktion
  • Lecture performance
  • 2012
  • 1.

    Ein Ritual ist eine Reihenfolge stilisierten sozialen Verhaltens, das
    von normaler Interaktion durch seine besonderen Fähigkeiten
    unterschieden werden kann, die es ermöglichen, die Aufmerksamkeit seiner
    Zuschauer; seiner Gemeinde wie auch eines breiteren Publikums; auf
    sich zu ziehen, und welche die Zuschauer dazu bringen, das Ritual als
    ein besonderes Ereignis wahrzunehmen, das an einem besonderen Ort
    und/oder zu einer besonderen Zeit, zu einem besonderen Anlass und/oder
    mit einer besonderen Botschaft ausgeführt wird. Dies wird dadurch
    erreicht, dass das Ritual geeignete, kulturell spezifische,
    übereinstimmende Konstellationen von Kernsymbolen benutzt. Das Ritual
    führt mehrere redundante Transformationen dieser Symbole durch. Dies
    geschieht mittels multimedialer Performance, die eine reibungslose
    übertragung einer Vielzahl von Botschaften; einige offen, die meisten
    aber implizit; und von Reizen gewährleistet. Damit werden aber auch die
    strategischen Ziele; die meisten latent, manchmal aber auch offenkundig
    ; von jenen erreicht, die das Ritual aufführen. Diese Ziele beziehen
    sich im Fall vereinheitlichter Gemeinden auf die Teilnehmer ad intra und
    im Fall pluralistischer Situationen auch auf Teilnehmer ad extra.

    (Jan Platvoet)


    2.

    Dass es eine allgemeine Bindung zwischen den Menschen und, damit
    zusammenhängend, ein Gefühl der «menschlichen Verbundenheit» gibt, ist
    kein Epiphänomen eines irgendwie gearteten Herdeninstinkts, sondern
    Resultat des Zusammenlebens von «Menschen, die als Ganze ganz zur
    Verfügung stehen». Die Bedingungen der Liminalität, Marginalität und
    strukturellen Inferiorität bringen oft Mythen, Symbole, Rituale,
    philosophische Systeme und Kunstwerke hervor. Diese kulturellen Formen
    stauen die Menschen mit einer Reihe von Schablonen und Modellen aus, die
    einerseits die Wirklichkeit und die Beziehung des Menschen zur
    Gesellschaft, zur Natur und zur Kultur periodisch neu klassifizieren.
    Andererseits sind diese Modelle mehr als Klassifizierungen, da sie die
    Menschen nicht nur zum Denken, sondern auch zum Handeln anspornen. Alle
    diese Hervorbringungen sind vieldeutig und können die Menschen auf
    vielen psychobiologischen Ebenen gleichzeitig ansprechen.

    (Victor Turner)

    3.

    Über die Dinge zu sprechen, sie in Aussagen und Sachverhalte zu
    verwandeln und über sie technisch zu verfügen, schafft jenes Vertrauen,
    ohne das wir nicht leben könnten. Zwar bezeichnen wir Dinge als Objekte.
    Obiectum ist das Entgegengeworfene. Darin hallt etwas von der stets
    aktualisierbaren Erfahrung nach, dass die Dinge widerständig sind und
    der Anstrengung bedürfen, diesen Widerstand zu überwinden: Wir
    verrichten Arbeit, um die Dinge in Bewegung zu bringen. Das ist uns so
    selbstverständlich, dass es uns als unsere Natur erscheint: zu arbeiten,
    um mit und gegen die Dinge Ziele zu verwirklichen. Noch unterhalb dieser
    Selbstverständlichkeit scheint eine andere verborgen: dass wir überhaupt
    Dass sie in ihrem stummen In sich ruhen, ihrer dunklen Geschlossenheit
    nie so weit "gehen" würden, sich "selbständig" zu machen, "eigenwillig"
    zu werden; und seis nur in Form schweigender Renitenz. Doch diese
    Grundannahme ist keineswegs universal oder ursprünglich. Wir teilen sie
    weder mit früheren Gesellschaften noch mit gegenwärtigen Kulturen, in
    denen die Dinge "lebendig", magisch und animiert (geblieben) sind, als
    hätten sie Lebenssubstanz, aus der heraus sie agieren könnten, womöglich
    Macht über uns gewinnend.

    (Hartmut Böhme)

    4.a

    Die Geschichte beginnt zu ebener Erde, mit den Schritten. Sie bilden die
    Zahl, aber eine Zahl, die nicht zu einer Reihe wird. Man kann sie nicht
    zählen, weil jede ihrer Einheiten etwas Qualitatives ist: ein Stil der
    taktilen Wahrnehmung und der kinesischen Aneignung. Ihr Gewimmel bildet
    eine unzählbare Menge von Singularitäten. Die Spiele der Schritte sind
    Gestaltungen von Räumen. Sie weben die Grundstruktur von Orten. In
    diesem Sinne erzeugt die Motorik der Fussgänger eines jener «realen
    Systeme, deren Existenz eigentlich den Stadtkern aus- macht», die aber
    «keinen Materialisierungspunkt haben». Sie können nicht lokalisiert
    werden, denn sie schaffen erst den Raum. Sie sind ebensowenig fassbar wie
    die chinesischen Buchstaben, deren Umrisse die Sprecher mit einem Finger
    auf der Hand skizzieren.

    Sicher, die Prozesse des Gehens können auf Stadtplänen eingetragen
    werden, indem man die (hier sehr dichten und dort sehr schwachen) Spuren
    und die Wegbahnen (die hier und nicht dort durchgehen) überträgt. Aber
    diese dicken oder dünnen Linien verweisen wie Wörter lediglich auf die
    Abwesenheit dessen, was geschehen ist. Bei der Aufzeichnung von Fusswegen
    geht genau das verloren, was gewesen ist: der eigentliche Akt des
    Vorübergehens.

    (Michel De Certeau)

    4b

    Die gegenwärtige Form von Marginalität ist nicht mehr die von kleinen
    Gruppen, sondern eine massive, massenhafte Marginalität. Sie ist eine
    kulturelle Aktivität von Nicht-Kulturproduzenten, eine unmerkliche,
    nicht entzifferbare und nicht symbolisierte Aktivität, die aber dennoch
    die einzige Möglichkeit für alle diejenigen bleibt, die die
    Show-Produkte, in denen sich eine produktivistische Ökonomie
    buchstabiert, bezahlen, indem sie sie kaufen. Sie wird universell. Diese
    Marginalität ist zur schweigenden Mehrheit geworden.

    (Michel De Certeau)

    5.

    Der Raum, in dem wir leben und der uns anzieht, so dass wir aus uns
    selbst heraustreten, der Raum, in dem die eigentliche Erosion unseres
    Lebens, unserer Zeit und unserer Geschichte stattfindet, dieser Raum,
    der uns zerfrisst und auswäscht, ist seinerseits heterogen. Anders
    gesagt, wir leben nicht in einer Leere, die wir mit Menschen und Dingen
    füllen könnten. Wir leben nicht in einer Leere, die verschiedene Farben
    annähme. Wir leben vielmehr innerhalb einer Menge von Relationen, die
    Orte definieren, welche sich nicht aufeinander reduzieren und einander
    absolut nicht überlagern lassen.

    (Michel Foucault)

    6.

    So wie ein Ort durch Identität, Relation und Geschichte gekennzeichnet
    ist, so definiert ein Raum, der keine Identität besitzt und sich weder
    als relational noch als historisch bezeichnen lässt, einen Nicht-Ort.
    Eine Welt, die Geburt und Tod ins Krankenhaus verbannt, eine Welt, in
    der die Anzahl der Transiträume und provisorischen Beschäftigungen unter
    luxuriösen oder widerwärtigen Bedingungen unablässig wächst (die
    Hotelketten und Durchgangswohnheime, die Feriendörfer, die
    Flüchtlingslager, die Slums, die zum Abbruch oder zum Verfall bestimmt
    sind), eine Welt, in der sich ein enges Netz von Verkehrsmitteln
    entwickelt, die gleichfalls bewegliche Behausungen sind, wo der mit
    weiten Strecken, automatischen Verteilern und Kreditkarten Vertraute an
    die Gesten des stummen Verkehrs anknüpft, eine Welt, die solcherart der
    einsamen Individualität, der Durchreise, dem Provisorischen und
    Ephemeren überantwortet ist, bietet dem Anthropologen ein neues Objekt,
    dessen bislang unbekannte Dimensionen zu ermessen wären, bevor man sich
    fragt, mit welchem Blick es sich erfassen und beurteilen lässt. Dabei
    gilt für den Nicht-Ort geradeso wie für den Ort, dass er niemals in
    reiner Gestalt existiert; vielmehr setzen sich darin Orte neu zusammen,
    Relationen werden rekonstruiert, und die jahrtausendealten Listen der
    Erfindung des Alltäglichen und der Künste des Machens, können sich darin
    einen Weg bahnen und ihre Strategien entfalten. Ort und Nicht-Ort sind
    fliehende Pole; der Ort verschwindet niemals vollständig, und der
    Nicht-Ort stellt sich niemals vollständig her – es sind Palimpseste, auf
    denen das verworrene Spiel von Identität und Relation ständig aufs Neue
    seine Spiegelung findet.

    (Marc Augé)

    7a

    Öffentliche Wirksamkeit erlangt erst das Event. Was bedeutsam scheint,
    muss darstellbar sein und unterliegt auf diese Weise dem Diktat medialer
    Präsenz, das als solche bereits die Formate der Inszenierung und damit
    der Apräsenz einschliesst. Kein Ereignis findet statt, das nicht durch
    seine sekundäre Theatralisierung nobilitiert wäre, um im selben Masse
    seinen öffentlichen Charakter zu verlieren, weil es ausschliesslich der
    Aderesse des Mediums gehorcht. Sein Fokus ist folglich die Sensation,
    die sichtbare Manifestation einer Szene, weshalb die Aufführung, die
    "Parade" zum Paradigma einer mediatisierten Öffentlichkeit gerät, die
    jede Handlung in einen Auftritt und jede Aktion in eine "Kampagne"
    verwandelt.

    (Dieter Mersch)

    7b

    Wenn derart die Praxis still gestellt und wirkungslos geworden ist, die
    Subjekte in den Fahrzeugen, vor den Bildschirmen, in den Netzen
    eingesperrt sind und jedes öffentliche Leben, das seinen Namen verdient,
    zum Erliegen gekommen ist, müssen die städtischen Räume auf neue Weise
    zurückerobert werden. Sie bedürfen der Wiederaneignung der
    buchstäblichen Offensive der Körper. Diese setzt auf eine Politik der
    Präsenz. Jede Veränderung verlangt nach Anwesenheit, nach der Ekstase
    der Einmischung und Aussetzung, der intensiven Aktion, die in die
    Prozesse interveniert, sie unterbricht, stört und umlenkt, ohne
    vereinnahmt zu werden.

    Solche Formen können vielfältig ausfallen; nicht notwendig manifestieren
    sie sich durch den symbolischen Akt, durch die Forderung oder Aussage;
    zuweilen genügt schon die nackte Gegenwart, die Konfrontation mit der
    Existenz, die nichts sagt ausser ein Sichzeigen, das wirkungsvoller sein
    kann als das Wort, weil es den Nachdruck darauf legt, irreduzibel "da"
    zu sein und nicht übergangen werden zu dürfen.

    (Dieter Mersch)

    7c

    Die Geste bezeugt keinen Sinn, vielmehr den Hinweis auf ein Dasein als
    Ereignis, als Setzung. Ihm genügt seine Performativität, seine
    Unverweigerbarkeit, weil sie ein Sein setzt, das werden kann, das aber
    deshalb immer schon eine Ant-Wort,