DE | EN

Resultate:  1

untitled (after William Blake)
Detail
  • Malerei
  • bone, pigment, Balakot soil and oil on linen
  • 2007
  • William Blake’s "The First Book of Urizen" was written in 1794 and describes the initial division of man. 'Reason' in the form of Urizen separates from the other elements of the human mind (chaos), and Los the eternal artist takes on the task of giving him form, so that his nature may be recognised by humanity.
    (from: "William Blake, The Complete Illuminated Books", Thames & Hudson)


    Leibhaftige Malerei
    Zu den Gemälden von Renée Magaña

    Der Leib in seiner Fleischlichkeit, der Leib als physisches Faktum, der Leib in seiner Grösse und Wucht – das ist der zentrale Gegenstand dieser Malerei. Hier also drängt die Malerei zum Körper. Und der Körper drängt zur Malerei. Da ist ein Schweben und Fallen auf diesen Bildern, ein Gewimmel von Körperteilen, Körperballungen und Farben, aber ein wohl komponiertes.Fleischfarben, Rot und Grün dominieren. Aus ihnen tritt in anatomisch durchgearbeiteter Art und Weise das Körperhafte hervor; fast könnte man meinen, es seien skulpturale Teile, derart plastisch wirkt das, so auch bei den diffizilsten Stellen, wo Hände und Füsse herausgeformt werden. Diese Dreidimensionalität wird zusätzlich noch dadurch betont, dass die Malerin mit der Farbmaterie an bestimmten Teilen gezielt üppig umgeht und da und dort sogar Muscheln oder Gräser einmalt. Daraus resultieren Aufwerfungen. Die Farbe wird unvermittelt zur Haut. Diese ist jedoch nicht glatt und makellos. Vielmehr spielen die Muskeln hindurch, so dass sich eine Art subkutaner Bewegung ergibt, die das Wogen der Körper noch untermalt. Kommt hinzu, dass diese Körper sich zugleich immer in einem Übergang befinden: Sie schweben nicht nur, um vielleicht gleich zu fallen, sie blühen unter dem Pinsel auch auf, um demnächst wieder zu verwesen und wieder in die reine Farbmaterie einzugehen.
    Dies ist das sichtbare, das materielle Spiel in der Malerei der seit 1987 in der Schweiz lebenden Kalifornierin Renée Magaña. Es ist ein Spiel, das rein von der Malerei her – geschweige denn von der Faszination am (männlichen) Körper – teilnimmt am alten Spiel der Erotik in der Malerei. Eine solche ist nicht zu verwechseln mit einer Malerei, deren Gegenstand offensichtlich erotisch wäre. Erotik in diesem Zusammenhang meint durchaus vor allem das Körperhafte und das Taktil-Sinnliche, das der Malerei unabhängig vom Sujet eigen sein kann. Darin eingeschlossen mag auch sein, dass die Berührung gesucht, aber schliesslich doch aus irgendwelchen Gründen gemieden wird.

    Es ist sicher nicht falsch, in dieser Malerei auch ein gewisses Pathos zu entdecken, dem sich die Künstlerin nicht entziehen kann und will: der Hang zur grossen Geste, der malerischen und der inhaltlichen, der Hang zum grossen Format, zur Turbulenz. Das hat etwas durch und durch Barockes, und es ist denn deshalb kein Zufall, dass unter den Malern Caravaggio, der gewaltige italienische Maler eines hyperrealistischen Barock, zu denen gehört, die die Malerin nennt. Dass im Gespräch mit ihr, wenn auch mit einer gewissen Scheu, der Name Francis Bacon ebenfalls fällt, erstaunt kaum. Rodin, möchte man vielleicht hinzufügen. Und sie sagt noch: William Blake. Damit ist eine ganze Geschichte der Bildinhalte angesprochen, welche die inhaltliche Ebene dieser Gemälde mit der materiellen verbindet. Blake, der englische Mystiker, malte zu seinen Gedichten Bilder voller visionärer Wucht; Schöpfung und Untergang, Körper und Symbol gingen bei ihm eine untrennbare Einheit ein.

    Die Faszination, die diese Traditionen – die des Barock und diejenige dieser speziellen Blake-Mystik – auf die 1970 in Santa Monica geborene Künstlerin ausüben, ist wohl nicht zu trennen von ihrer kulturellen Herkunft. Ohne das Wissen um diese kämen leicht Missverständnisse auf. Renée Magaña ist zum einen verankert in der mexikanischen Kultur, in der der Tod eine für Europäer seit dem Ende der Totentänze fremde Allgegenwart hat; diese Präsenz ist aber keinesweg nur von Düsternis und Verwesung bestimmt, der Tod und das Spiel mit ihm haben in dieser Tradition immer auch etwas Lebensbejahendes, das selbst die Erotik nicht ausschliesst. Der andere Strang wurzelt in der indianischen Mythologie, wo nicht Engel, sondern Vogelmenschen und –götter ihr Wesen treiben, schweben und fallen und wieder auferstehen. Der dritte schliesslich ist der kalifornische Underground, in dem Tabubrüche im Umgang mit Konventionen und Werten ein tragender Wert sind; Comic und Mythologie, Vision und Trash, Blasphemie und Sexualisierung verbinden sich zu einer neuen Kunstform. Da hätte auch William Blake seinen Platz, dessen Werk im Übrigen dem Bandnamen von The Doors Pate stand.

    Auch Jim Morrison war – wie einige Figuren auf den Gemälden von Renée Magaña – einer, der schwebte und sich gar als indianischer Schamane sah. Und fiel.

    Konrad Tobler