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Corpus delicti (2007/08)
Detail
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  • Installation
  • 250.00 x 500.00
  • Inkjet auf Bluebackpapier
  • 2008
  • Nomad – die Galerie, die da und dort auftaucht
    Inaugurazione, Via Ludovisi 48, Roma, 28.maggio 2008
  • Nomad – die Galerie, die da und dort auftaucht
    28. Mai 2008: Martin Möll im Istituto Svizzero, Rom

    Vogelscheisse – das ist das Corpus delicti

    Martin Möll ist ein Stadtwanderer. Er begeht Städte etwa in der Art, wie der deutsche Philosoph Walter Benjamin die Funktion der Kritik umschrieb; diese, so Benjamin etwas makaber, habe sich ihres Gegenstandes ebenso liebevoll anzunehmen, wie ein Kannibale sich einen Säugling vornimmt. Wenn Möll wandert, fallen ihm Dinge auf, die sonst kein Auge sieht oder: deren sich niemand achtet, weil sie scheinbar nicht beachtenswert sind. Und das ist vieles. Im Grunde genommen ist das Unbeachtete in den Städten in erster Linie die Architektur selbst – eben weil sie so omnipräsent und deshalb gleichsam selbstverständlich ist. Ausnahmen gibt es logischerweise: All jene Gebäude, die durch ihre symbolische Kraft seit Jahrhunderten den Blick auf sich fokussieren.
    Möll durchwandert also Städte. Eines seiner Projekte hiess: Ich begehe jede Strasse und jeden Weg in Paris. Das dauerte fast auf den Tag genau ein halbes Jahr. Mölls Weg mass rund 2000 Kilometer. Zur Zeit heisst sein Projekt: Ich durchwandere die Stadt Bern. Bis 2009 wird der Künstler mehr als 500 Kilometer begangen haben, die das offizielle Strassen- und Wegnetz der Schweizer Hauptstadt ausmachen. Und Dinge gesehen haben, die sonst kaum jemand sieht, zum Beispiel eine über die Autobahn führende Fussgänger-Brücke, die den merkwürdigen, aber offiziellen Namen «Bananenbrücke» erhalten hat.
    So war es auch in Paris. Sein Blick fiel beim Gang durch den Cimetière Montmartre nicht nur auf die vielen Grabstätten, ihm fielen auch die vielen Vogeldrecke auf, die die dort nistenden Krähen hinterlassen. Leicht liesse sich nun einwenden, das sei reichlich banal. Aber das Gegenteil ist wahr: Die Wahrheit der Wirklichkeit ist, dass sich diese aus lauter Banalitäten zusammensetzt. Wer so ohne einen hierarchisch ordnenden Blick auf die Realität schaut, sieht mehr. Eben zum Beispiel Krähendreck.
    Möll ist nicht nur ein akkurater Beobachter. Sein Blick ist immer auch ein fotografischer. Also fotografierte er auch die Krähendrecke. Und entdeckte deren irritierende, dem Fall-Zufall zu verdankende Formen. Eine solche steht im Zentrum seines Nomad-Projektes in Rom. Er zeigt sozusagen Scheisse. Diese ist nur von der Terrasse des Istituto Svizzero aus zu sehen, in einer 2,5 auf 5 Meter messenden Wanne, die aus unerfindlichen Gründen über dem dort befindlichen Kirchplatz hingebaut wurde. Man sieht also – sinnigerweise aus der Vogelperspektive – das Bild eines riesenhaft vergrösserten Krähendreckes – als ob ein Riesenvogel über Rom gekreist hätte, als ob ein nicht identifizierbares Objekt aus der Antike ausgegraben worden wäre, als ob man plötzlich auf ein bisher noch nicht entdecktes Archipel blicken würde, als ob sich ein Seepferdchen als überdimensionale Versteinerung erhalten hätte.
    Das ist das «Corpus delicti», wie der Titel der bewusst unspektakulären Intervention lautet. Es ist die Spur irgendeiner störenden Aktion. Es ist etwas, das zwar beiläufig stört, in allen Städten jedoch ist ja der Kampf gegen die Kotspuren der Vögel eine Staatsaktion. Man errichtet dagegen gleichsam Barrikaden, spannt Netze, setzt nadeldünne Spitzen auf die Konsolen der Gebäude. Kurz: Am liebsten würde man Tauben vergiften, wie das der österreichische Kabarettist Georg Kreisler einmal zynisch besang.
    Wie das Projekt Nomad, das da und dort auftaucht, so wird auch Mölls Pariser Krähendreck in Rom bedingt durch die Witterung einmal verschwunden sein. Und vielleicht da oder dort wieder auftauchen. Als letztlich mikroskopische Veränderung der Wirklichkeit, von der wir immer nur Bruchteile wahrnehmen.

    Konrad Tobler