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  • Aktion
  • 70.00
  • 4 Interviewer gehen im Auftrag der Künstlerin mit ausgewähltem Fotomaterial durch das Publikum eines Kulturfestes und ermitteln in Sachen m.d. Alle Gespräche werden digital aufgenommen.
  • 2008
  • 6. September 2008 am Fest, Progr Bern
  • Score:
    Die ErmittlerInnen bewegen sich frei im ganzen Gebäude. Sie suchen die Person M. D. mit Hilfe von
    Fotografien und Dokumenten (4 unterschiedliche Sets) Ihre Aufgabe ist es Details aus dem Leben von M.
    D. in Gesprächen mit zufälligen GesprächspartnerInnen zu erfahren, sich der dokumentierten Person
    anzunähern. Ausgehend von der Annahme, dass sich M.D. in den befragten Kreisen bewegt, sind die
    Gespräche zielgerichtet auf ein mögliches Wiedererkennen.
    Alle Gespräche werden aufgenommen.
    Im Anschluss an die Aktion findet die Präsentation der Tonaufnahmen, der Fotos und Dokumente statt.



    "Ermittlungen in Sachen M.D., Die Nomad-Performance von Mo Diener"
    Konrad Tobler


    I. Doch, sicher, diese Person kommt mir bekannt vor. Oder sagen wir: Ihr Gesicht kommt mir bekannt vor.
    Sie sind doch, Moment mal, habe ich Sie nicht dort, wo war das doch wieder, schon einmal gesehen?
    Entschuldigung, da muss eine Verwechslung vorliegen. Sie gleichen einer anderen Person, die ich, ich
    weiss aber nicht mehr wo, einmal gesehen habe. Sie haben die gleichen Haare. Auch der Blick ist der
    gleiche. Nur: Diese Person war um einiges älter. Zudem hatte sie, so glaube ich jedenfalls, blaue Augen.
    Aber ich bin mir da nicht ganz sicher. Aber sicher weiss ich den Namen, er kommt mir gleich wieder in
    den Sinn. Er ist mir jedoch gerade in diesem Moment entfallen. Beginnt er nicht mit M? Wenn ich M an
    diesem oder jenem bestimmten Ort sehen würde, wüsste ich sofort, dass sie M ist.


    II. Woran erkennen wir einen Menschen? Wie identifizieren wir ihn? Auf welche Merkmale und
    Eigenheiten achten wir, wenn wir einen Menschen identifizieren und aus dem Menschen so ein
    Individuum machen? Welche Identitäten machen die Identität einer Person aus?
    Ist M zuerst eine Frau oder im gleichen Moment, da wir sie sehen, auch schon M?
    Verwechseln wir, wenn wir M zwar kennen, aber nicht so gut, M mit der M, die wir besser kennen, die uns
    also vertrauter ist? Und wenn die zweite M vertrauter ist, worauf achten wir, dass wir sie sofort als M
    erkennen, ohne lange darüber nachzudenken? Ist M zuerst die Zürcherin, deren Dialekt zu ihr gehört,
    ohne dass wir lange darüber nachdenken? Oder ist sie zuerst die Künstlerin, die eben in diesem
    Augenblick eine Performance macht, ohne dass sie jedoch anwesend ist, wir aber über sie sprechen?


    III. Mo Dieners Performance ist eine Recherche oder gar eine Investigation, eine Ermittlung in Sachen
    Identität. Die Künstlerin steht zwar im Zentrum, aber sie ist nicht diejenige, die im Zentrum agiert. Sie
    lässt vier Detektive mit Personenbeschreibungen ausschwärmen. Diese Beschreibungen sind
    Signalemente, die, aus verschiedenen Blickwinkeln gesehen, sehr wahrscheinlich auf die Person, die Mo
    Diener ist, zutreffen.
    Die Detektive legen die Signalemente verschiedenen Personen vor. In der Menge der Leute, die das Fest
    im Progr besuchen, gibt es solche, die Mo Diener noch nie gesehen haben. Sagen sie: Die ist mir
    unbekannt – und identifizieren die Person deswegen auf ihre Weise als die Fremde. Welche
    Rückschlüsse ziehen sie aus dem vorgelegten Signalement? Sagen sie: Das ist ein italienischer Typ, weil
    die Person dunkle Haare hat? Oder: Es könnte eine Designerin sein. Weshalb nicht? Aber woran erkennt
    man eine Designerin? Oder es kann sein, dass einige, die Mo Diener nicht kennen, auch Werturteile
    formulieren: eine interessante Frau, eine spezielle Frau... Erinnert das Signalement die Personen, die Mo
    Diener nicht kennen, an jemanden anderen erinnern, die sie kennen – was dann wiederum das Bild
    beeinflusst, das sie sich von der ihnen unbekannten Person machen? Wer Mo Diener kennt und sie
    anhand der Signalements wieder erkennt, wie ist da die Reaktion? Ist Mo Diener zuerst einmal die
    Performance-Künstlerin aus Zürich? Sagt man: Das ist typisch für Mo Diener, diese Art der Recherche?
    Studierende der Hochschule der Künste Bern sagen vielleicht: Ja, die arbeitet mit uns zusammen.
    Andere sagen, verunsichert wegen des Signalements, möglicherweise: Doch, doch, diese Person
    erinnert mich an Mo Diener, sie kann es aber unmöglich sein, weil sie sich privat doch nie einfach so ins
    Zentrum setzt und wichtig nimmt.

    IV. Mo Diener ist nie Mo Diener. Sie ist immer eine andere – wie alle anderen Personen immer Andere
    sind, in vielfachen Gesichtern schillern, je nach Umfeld, je nach Ort, je nach Umständen, je nach
    Funktion. Die Identitäten einer Person sind eine Art von Sprach- und Gesellschaftsspiel, und die
    Bestimmung der Identität ist immer ein performativer Akt, der auch etwas über die Person aussagt, die
    eine andere Person identifiziert.
    Die Identität gibt es nur auf der Identitätskarte. Diese Identität ist eine Fiktion. Es sei denn, die Daten
    würden technologisch so aufgerüstet, dass elektronische Fingerabdrücke und DNA-Strukturen eine
    Person eineindeutig identifizieren würden.