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metropolis
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  • Fotografie
  • 180.00 x 120.00
  • Lambdaprint hinter Plexi / Alu
  • 2002
  • Kabinett Zürich 2002
  • Metropolis

    „Die Katastrophe sei nicht das, was komme, sondern die Tatsache, dass ”es” immer so weiter gehe. Der Satz von Walter Benjamin drängte sich im Zusammenhang mit dem Anschlag auf die Twin Towers in New York geradezu auf. Beschworen wurde damals in allen Medien, dass “danach” alles anders sei; verleugnet wurde, dass dieser Terroranschlag seine Grundlage im grässlichen Immergleichen hatte: Gewalt gebiert Gewalt.

    Darum, um solche geschichtstheoretischen Fragen geht es in den auf den ersten Blick makellosen Fotografien von Martin Wiesli nicht direkt. Dennoch suggerieren seine Bilder, zumindest jene aus New York, unweigerlich die Twin Towers, selbst wenn seine Fotografien und sein Bildkonzept -und das muss betont werden- vor jenem ominösen Davor-Danach des 11.09.01 entstanden sind.

    Die Spitze der Fragen, die Martin Wieslis Fotografien stellen, drehen sich genau darum, ob das, was wir wahrnehmen (und behaupten), so eindeutig ist; ob der erste, vorschnell identifizierende Blick nicht gerade die Ursache von Katastrophen im Kleinen und Grossen sei.

    Fotografie ist Gewalt der Identifikation. Sie ist das Medium der Verdoppelung – wovon die beinahe archetypischen Aengste zeugen, die in der Fotografie den seelenraubenden Doppel-




    gänger sehen; und sie ist das Medium der Wiedererkennung, weil sie unweigerlich zu zeigen scheint, was die Realität des Bildes ist. So ist sie unheimlich faszinierend.
    Von dieser Doppeldeutigkeit der Fotografie erzählt die Geschichte des Misstrauens, dem sich dieses Medium ausgesetzt sieht, und zwar seit seinen Anfängen.

    Man vertraut dem fotografischen Blick, und man misstraut seinen Ergebnissen, indem das Medium der Gewalt der Manipulation -der immanenten Gewalt- verdächtigt wird.“

    Genau damit spielt Martin Wiesli, wenn er seine Bilder digital manipuliert: scharf schneidet und zusammensetzt. Es braucht einen Knopfdruck auf dem Computer, um ein Bild zu spiegeln oder zu verdoppeln und an sein eigenes Double anzusetzen.
    Sanfte, geradezu unheimliche Gewalt ist es, wenn Martin Wiesli aus einem Hochhaus ein Häusermeer macht. Bei aller Irritation, ja Melancholie, die diesen Bildern eigen ist -eben wegen der Fragen, die sie auslösen -bleibt ein Moment, das auch die Verunsicherung wieder in Frage stellt:

    In ihrer immanenten Spannung sind die Bilder voller Schönheit und Ruhe.


    Konrad Tobler