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C’est pourtant si facile de commander un meilleur matelasmit Niklaus Wenger, Kunstkeller, Bern
  • Martin Möll

  • C’est pourtant si facile de commander un meilleur matelas
    mit Niklaus Wenger, Kunstkeller, Bern, 2009
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  • Ausstellung, Fotobücher, Lesung
  • Lambdaprint auf Aluminium, Inkjet auf Bluebackpapier, Fotobücher aus Handabzügen
  • 2009
  • Kunstkeller Bern, 15.01.-14.02.2009
  • Ein Stipendium hat Martin Möll Paris ermöglicht. Hier fragt er sich: „Was stellt mir diese fremde Stadt zur Verfügung?“ Um eine Antwort zu finden beginnt er bereits am zweiten Tag seines Aufenthaltes seine nähere Umgebung abzugehen. Und – warum nicht gleich ganz Paris ablaufen?

    Tag um Tag geht er hinaus, läuft Gasse um Gasse, Strasse um Strasse, Boulevard um Boulevard ab. Zurück in der Cité markiert er auf seinem Stadtplan präzis, wo ihn sein Weg am 27.9. 2007 durchgeführt hat. Im schwarzen Büchlein hält er Zeit und Filmnummer seiner Aufnahmen fest. Martin Möll unterwegs, wie er schon immer unterwegs war, um Randständiges, Nebensächliches ins Zentrum zu rücken.

    Immer war Martin Möll von der schwarz-weissen Fotografie begeistert. Sie ist ihm Farbe genug. Sie eröffnet andere Schwerpunkte. Der Blick konzentriert sich auf die Form und das Lichtspiel des Festgehaltenen: das Weben des Helldunkels im Raum, geheimnisvolle Schatten und grelles Licht, rasch Ersichtliches und Unerklärliches. So sind auch diese Arbeiten in stimmungsvollen Grautönen gestaltet.

    Schritt um Schritt entdeckt der Fotograf s e i n e Stadt. Er entdeckt ungewohnte Architekturen. Fotografisch notiert er Räume, die beim nächsten Schritt verschwinden, um neue erstehen zu lassen. Sein Blick geht auf die urbane Landschaft. Ihn interessieren Raumanordnungen, die sich nicht sofort erschliessen.

    Raumanordnungen, die er später durch das Verschmelzen verschiedener Aufnahmen noch mehr verfremdet und dadurch Architekturen entstehen lässt, die das Betreten ihrer Räume auch nur in Gedanken völlig verweigern. Hier sind sich die Arbeiten der beiden Künstler sehr nah.

    Raumanordnungen auch begeistern ihn, die durch zufällig Abgestelltes entstehen. Er untersucht das Nicht-Beachtete, fotografiert Alltägliches, Dinge am Strassenrand, Verlorenes auf dem Trottoir. Rückstände von Mensch und Tier: Abfall der städtischen und insbesondere der Pariser-Gesellschaft. Er rückt die Nebensächlichkeiten ins Zentrum seiner Forschungen: Spuren von Leben, Vergangenem, Fremdem, die den Raum, den der Fotograf im Umraum des Objekts immer festhält, mitprägen. Nicht die kühle Objektivität und Leere der Düsseldorfer- schule interessiert ihn. Trotz der Aufreihung gleicher Sujets, trotz der Abwesenheit von Personen steht Persönliches im Mittelpunkt.
    Martin Möll geht wie ein Entdecker, der die Dinge zum ersten Mal sieht und notiert, durch die Strassen. Seine Augen werden auch jetzt beim Betrachten der Fotos schmal, als wolle er den Befund prüfen, Unwichtiges ausblenden, seinen Blick nur für das Nicht-Beachtete freihalten – oder arbeitet er traumwandlerisch? „Mein Blick geht auf das, was übersehen wird. Es ist immer schon da und wird nicht beachtet, ist Abfall, schmutzig, ge- und verbraucht. Jedes Objekt aber hat seine eigene Geschichte, ist in der grossen Menge ein Individuum.“

    Ein Objekt, das er immer wieder festhält ist die Matratze. Matratzen, die bereit stehen für die Kehrichtabfuhr. Matratzen heimlich auf die Strasse gestellt, da sie ja nicht in die tägliche Abfuhr gehören. Matratzen hingelegt, hingeworfen, gerollt, verschnürt, noch fast neu, fleckig, aufgeschlitzt, mit herausquellendem Füllmaterial. Gestreift, kariert, geblümt, gemustert. Vierhundertzwanzig Matratzen, hat er in diesem halben Pariserjahr fotografiert, um thematisch nur e i n Fundstück aus seinen Aufzeichnungen herauszugreifen. In Büchern werden sie dokumentiert, für uns einsehbar.
    Fundstücke? Da sind auch die Matratzen fein säuberlich an die Wand gestellt und fixiert für die nächtliche Wiederverwertung: Schlafstellen auf Zeit. Die Behausungen sind an möglichst geschützten Orten, in Durchgängen, Hinterhöfen, Nischen, neben einem Brunnen, mit Kartonschachteln oder Plastik abgedeckt oder ungeschützt am Strassenrand. Ihnen begegnet er auf seinen Streifzügen entlang den Rändern einer Gesellschaft, einer Kultur, die sich vorwiegend hinter Fassaden abspielt, die Benutztes und Überflüssiges unbeobachtet oder unbeachtet fallen lässt. Die Bestandesaufnahme wird Zeuge unserer Wegwerfgesellschaft, aber auch einer nächtlichen Zweitbesiedlung der Stadt. Innenraum, Schlafraum wird öffentlich und Aussenraum wird zum Innenraum.
    In breit gefächerten Grautönen sind beklemmende, kritische, aber auch wehmütig romantische Bilder entstanden.

    Dorothe Freiburghaus 10-2008