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Der goldene Ring (2007/09) eine Zusammenarbeit mit Theo Plakoudakis
  • Martin Möll

  • Der goldene Ring (2007/09)
    eine Zusammenarbeit mit Theo Plakoudakis, 2009
Detail
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  • Lesung
  • Ring, Kissen, Sockel, Schauspieler
  • 2009
  • Kunstkeller Bern, 15.01.-14.02.2009
  • Der goldene Ring

    Wie jeden Tag war ich auf einem meiner langen Spaziergänge durch die Straßen von Paris unterwegs. Ich war mit meiner Kamera auf der Suche nach Dingen, die auf der Strasse lagen. Kurz zuvor hatte es geregnet. Die Luft war feucht und roch nach September, und der Asphalt atmete schwer. An jenem Tag hatte ich noch nichts gefunden, was meine Kamera interessiert hätte. Ich kam von Süden her und war auf dem Weg nach dem Stadtteil Marais, wo ich in einem Bistro wie gewöhnlich etwas Kleines zu Mittag essen wollte. Als ich die graugrüne Seine überquerte, begann mein Magen zu knurren und ich beschleunigte meine Schritte. Am Ende der Brücke stand eine junge, dunkelhaarige Frau. Sie schaute mich kurz an, dann blickte sie zu Boden. Im Gegensatz zu mir, der ich den ganzen Tag noch nichts entdeckt hatte, schien ihr etwas ins Auge zu fallen. Sie hob es vom Boden auf und betrachtete es. Ich kam näher und wollte eben vorbeigehen, als mich die Frau ansprach.
    „Pardon, Monsieur“, sagte sie und berührte mich flüchtig am Arm, „ich hab da was gefunden!“ Ich blieb stehen.
    „Schauen sie nur!“, rief sie und streckte mir ihre Hand entgegen. Auf der dunklen Haut lag ein goldener Ring. Ich lächelte und wollte weiter gehen, doch die Frau zupfte mich am Ärmel.
    „Behalten sie ihn, mir würde er nicht passen. Sehen sie, es ist ein Ring für einen Mann.“ Ich nahm den Ring aus ihrer Hand und betrachtete ihn. Sie hatte Recht. Bevor ich mich für das unerwartete Geschenk bedanken konnte, flüsterte die Frau ein „Au revoir!“ und ging davon. Ich rief ein „Merci beaucoup!“ hinterher, drehte mich um und steckte mir im Weitergehen den goldenen Ring an den Finger. Er passte.
    „Monsieur!“ hörte ich plötzlich hinter meinem Rücken. Es war dieselbe Frau.
    „Pardon,“ sagte sie, „Monsieur, sie hätten nicht zufälligerweise etwas Kleingeld?“ Ich hatte. Ohne nachzudenken gab ich ihr einige Münzen. Sie bedankte sich und wir verabschiedeten uns.

    Abends kam ich müde zu Hause an. Nach dem Mittagessen hatte ich einige Dinge auf der Strasse gefunden und fotografiert. In der Dunkelheit, während ich den Film entwickelte, fragte ich mich, wieso wohl unter all diesen Dingen noch nie ein Ring gewesen war. In der Küche vergaß ich die Frage wieder, und auch den goldenen Ring, den ich in irgendeine Schublade gelegt hatte.

    Es wurde kälter und meine Spaziergänge wurden kürzer. Ich war wieder unterwegs. Es war bereits dunkel und ich wollte nach Hause. Ich überquerte die Seine und war in Gedanken bereits an der Wärme, als ich eine weibliche Stimme hörte.
    „Pardon“, sagte sie, und vor mir stand eine nicht mehr ganz so junge Frau.
    „Raten sie mal, was ich eben auf der Strasse gefunden habe?“
    „Einen goldenen Ring vielleicht?“ fragte ich zurück. Die Frau schaute mich erstaunt an, zögerte kurz und streckte mir dann den Ring entgegen.
    „Ich möchte, dass sie ihn behalten!“
    „Non merci...“ sagte ich und ging weiter, ohne mich noch einmal umzuschauen.

    Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, auf der Strasse von Frauen angesprochen zu werden, welche mir einen goldenen Ring schenken wollen. Oft habe ich auch von weitem beobachtet, wie andere Männer angehalten werden. Die Männer bleiben stehen, nehmen den Ring aus der Hand der Frau, bedanken sich und gehen weiter. Die Frau ruft ihnen schüchtern hinterher und fragt nach etwas Kleingeld.
    Ein einfaches Spiel - und dennoch frage ich mich, ob es nicht auch anders sein könnte. Ob nicht vielleicht ein Unbekannter nachts mit unzähligen goldenen Ringen durch Paris huscht und sie auf die Straßen schleudert. Viele fallen in den Fluss, ein paar kullern in den Gully und verlieren sich in der Kanalisation. Ein paar Wenige aber bleiben auf dem Gehsteig liegen, damit sie von einer Frau gefunden, und an einen Mann weiterverschenkt werden.
    Ich habe ihn nie gesehen, diesen Unbekannten, aber das heißt noch lange nicht, dass es ihn nicht gibt.

    Theo Plakoudakis 2009