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Kunstkeller Bern 2010
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  • exhibition
  • 2009
  • Kunstkeller Bern, 22. August - 19. September 2009
  • Wo beginne ich? Hier in Bern, wo Renée Magaña mir neue Tagebuchblätter zeigt? Aus tiefstem Vergessen tauchen Bilder auf, starke Erinnerungen an Erlebnisse, die sie plötzlich wieder vor Augen hat. Jetzt malt sie sie: einzelne Dinge, neue Schuhe, nur die Schuhe, die sie als fast-noch-Kind erhalten hat – sonst nichts, leerer Umraum. Eine umgeworfene Pflanze – sonst nichts, leerer Umraum. Vielleicht auch ein alljährlicher Waldbrand im kalifornischen Sommer. Erinnerungen in einem Objekt verdichtet. Gouache oder Öl auf weissem oder schwarzem meist zufälligem Bildträger. Tagebuchblätter entstehen diesen Sommer auch auf ihrer mehr-monatigen Reise durch Amerika.

    Vieles was die Künstlerin während des Stipendienaufenthalts in Paris bewegt, findet in Studien und Zeichnungen Ausdruck. Da ist die Stadt mit ihren imposanten Gebäuden, den Plätzen, breiten Boulevards und den schmalen Gassen. Renée Magaña aber interessiert deren Unterbau, die Katakomben und die Carrières. In diesen Steinbrüchen, die bis zu zwanzig Meter unter die Erde reichen, wurden die Steine für die Stadt gebrochen, die lange Zeit nur die Cité auf der Insel ausmachte. Später wurden hier die Gebeine der überfüllten Friedhöfe gelagert. Paris dehnt sich aus, die ganzen unterirdischen Anlagen werden vergessen. Häuser stürzen plötzlich in sich zusammen, weil unten Hohlräume sind. Heute haben wir im Sous-Paris ein dreihundert Kilometer langes, kontrolliertes Stollenwerk. Jeder Hausbesitzer ist zugleich Sous-Propriétaire. Katakomben und Steinbrüche sind touristische Attraktion geworden.

    Mit dem Wissen um den Pariser-Untergrund verbindet die Künstlerin die Tower Katastrophe Nine-Eleven. Wer sich in den obersten Etagen befand, hatte nur die Wahl zwischen dem Freitod durch Sprung aus dem Fenster, oder dem Tod durch Rauch und Feuer.

    Eine Foto an der Wand zeigt einen vom Tower stürzenden Menschen. Er fliegt im Fallen. Diese Sturzflüge zusammen mit dem Aufenthalt in Paris beschäftigen die Künstlerin. Fast schwerelos drehen und schweben Körper von oben nach unten. Die unzähligen Körperstudien der Künstlerin von griechischen und römischen Skulpturen im Louvre kommen hier zum Tragen, ebenso ihre Experimente mit einer Gliederpuppe. Der Körper im Flug interessiert Renée Magaña. Auf ihren Zeichnungen legen sich Arme, Beine, Körper gleichsam in die Luft. Sie drehen fast horizontal und sinken langsam nach unten. Der Eindruck eines schwerelosen Schwebens wird unterstützt durch das vom Farbauftrag – Gouache – leicht geworfene Pergamentpapier, das sich beim leisesten Luftzug vom Fenster her be- wegt. Oberhalb der fallenden Figuren zeichnet sie mit weisser Farbe, rot untermalt eines der für Paris charakteristischen Gebäude.

    Eigenwillig geht Renée Magaña ihren Weg. Ein sprühendes Temperament, lebhafte Augen, Arme, Hände untermalen fortwährend ihre Rede. Im schwarzen, wilden Haar die leuchtend farbige Blume.

    Sie passt mit ihrer künstlerischen Arbeit in keine Kategorie der jüngsten Kunst. Ihr Ausdruck sind grosse Gesten, ihre bevorzugten Formate und Bildinhalte lassen an Kirchen und Museen denken. Ihre Themen und Visionen grenzen ans Mythische, Mystische und letzte Fragen. Ihr Feuer und Power machen vor nichts Halt. Leidenschaftlich springt sie mitten in die Auseinandersetzungen im Bild. Was sie bewegt, findet Ausdruck in ihrer Malerei.
    Genau diese Intensität macht ihre Arbeit für uns wertvoll. Sie vermittelt Aspekte, die uns herausfordern. Sie verlangen flexibles Denken, Eintauchen in unbequeme Fragen über Leben und Tod, Sinn und Unsinn unseres Seins, die sie unbeirrt und mit Nachdruck aufgreift.

    Seitdem ich die künstlerische Arbeit von Renée Magaña verfolge, ist der Mensch, der als Lebewesen fortwährend der Vergänglichkeit ausgesetzt ist, ihr zentrales Thema. Die Künstlerin malt nackte, fast greifbare, männliche Körper. Torsi vor monochromen, satt gestrichenen Gründen, die oft mehr als Fläche, denn als Raum wirken. So konzentriert sich der Betrachter ganz auf die Körper: eine einzelne Gestalt mit ausgebreiteten Armen in grossem Gestus gemalt. Nur Beine. Nur Arme. Ein Körper liegt im Gras. Gestalten mit oder ohne Kopf tauchen hintereinander aus der Dunkelheit oder verschwinden in ihr. „Es sind keine bestimmten Individuen und Empfindsamkeiten und Bewusstsein sind auch im Körper vorhanden“, erklärt die Künstlerin. Es entsteht auch nie das Gefühl einer Verletzung. Vielmehr ist der Kopf ganz einfach ohne Interesse. Renée Magaña untersucht in den Körpern die Übergänge von der Gegenwart in die Vergangenheit, von der Vergangenheit in die Gegenwart, vom Leben in den Tod. Ihre Pinselführung ist emotional. Sie legt Schicht um Schicht Farbe – vorwiegend Erdtöne – auf das Bild. So erhält sie das Ausfransende, sich Auflösende, Zersetzende und zugleich das sich neu Formierende, was zu jedem Wandel gehört. Der Prozess der Umwandlung fasziniert sie. Ihn versucht sie auf die Leinwand zu bannen – ein Widerspruch in sich selbst, denn alles Festgehaltene gehört bereits der Vergangenheit. Vergänglich sind sowohl Körper, als auch Bewusstsein, das aus Erfahrung und Erinnerungen besteht.

    Die Konzentration auf die Figur ruft die alten Meister auf den Plan. El Greco hat seine Gestalten in die Höhe gezogen und sie damit in eine andere Sphäre transformiert. Renée Magaña bleibt bei ihren wuchtigen Körpern nahe an unserer Wahrnehmung und damit realistisch und schonungslos.
    Caravaggio, der grosse, italienische Barockmaler, William Blake, Francis Bacon, Comics, Songs und Horrorfilme sind ihr Orientierungshilfen. Jackson Pollock bringt mit seiner Neigung zum Schamanismus die Erinnerung an die indianische Vergangenheit, die die Künstlerin – in Kaliifornien aufgewachsen – mit der Geschichte des Landes verbindet. Mythen aus uns fremden Kulturen sind ihr Nährboden, Heimat und Thema ihrer Malerei. Ihr Vater war Mexikaner.

    Grosse Meister regen sie an. Begeistert sucht die Künstlerin ihre Werke in Bildbänden. Sie begegnet William Blake (1757 - 1827), der mit seiner visionären Sicht Bilder zu seinen Gedichten malte. Er sagte: „Wenn die Pforten der Erkenntnis geläutert würden, würde alles dem Menschen erscheinen, wie es ist: grenzenlos und unbeschränkt.“ Eine Aussage, die sie auch für ihre Arbeit herausstreicht.
    Die Malerin entwickelt ihre Formen weiter. Aus Körpern wachsen neue Körper. Köpfe, Gesichter erscheinen in neuer auch surrealer Gestalt. Schädel finden dazu. Die schwarzen Gründe werden grün und kadmiumrot. Die Dramatik wächst. Sie folgt den Spuren von Leben und Tod, malt das sich Auflösen, die Umwandlung, öffnet mit ihrer Sachlichkeit Gefühlsräume, wie diese auch die Bilder von Francis Bacon (1905 –1992) – ein Meister der Auflösung, Zersetzung und auch des Schmerzes in seiner verwischenden Formgebung – hervorrufen. Mit den warmen Farben nimmt Renée Magaña dem Thema aber die Härte, die es in unserem Kulturkreis auslöst.

    Die Geschichte Amerikas ist kurz. Die seiner Kunst- und Kulturgeschichte noch kürzer. Die Vorzeit wurde geprägt durch die Indianer. Sie haben Spuren im Bewusstsein der Künstlerin hinterlassen. Ihre starke Beziehung zur Vogelwelt erinnert an deren naturnahe Kultur: von einem Tier, einem Totem – oft schöpfungs-geschichtlich verankert – geht viel Kraft aus. Ihm fühlt sich der Indianer verbunden. Dieser Bezug zur Tierwelt hat Renée Magaña geprägt. Sie lebt mit ausgestopften Krähen, Eulen, Vögeln, die ihr gute Geister sind und auch in ihre Bildwelt Eingang finden.
    In der Ausstellung über „Jackson Pollocks Bezüge zum Schamanismus“ (Paris 2008, Pinacothèque) begegnet sie Vertrautem. Hier fand Pollocks Wunsch – während und nach dem zweiten Weltkrieg – einen neuen Menschen zu kreieren, einen neuen Weg aufzuweisen Ausdruck. Die Malerin fühlt sich seiner Formgebung und den kräftigen, erdigen Farben im Frühwerk verbunden.

    Ende Februar, noch vor der grossen Reise, ist das Bild von Jan, dem alten Malerfreund entstanden. Jetzt, da er gestorben ist, malt sie ihn. Im Gesicht wird das von-dieser-Welt-gehen vielleicht am intensivsten sichtbar. Langsam verschwindet seine physische Präsenz. Es ist, als würde er mit dem noch ein wenig offenen Auge einen letzten kritischen Blick auf diese Welt werfen. Die andere Gesichtshälfte ist eingesunken und schwer, bereits nur Hülle.
    Das ganz offene Verhältnis der Künstlerin zum Tod mag einen Grund in der mexikanischen Tradition finden, die einen anderen Umgang mit den Verstorbenen pflegt. So werden etwa an Allerseelen im Gedenken der Toten auf den Friedhöfen Feste mit Lichtern und Mahlzeiten gefeiert, was wir in unserem Kulturkreis nicht oder kaum nachvollziehen können.

    Sanfter ist die letzte, grosse Arbeit „untitled“ 2009, die wie eine Zusammenfassung ihrer bildnerischen Abklärungen der letzten Monate wirkt. Körper schweben in transparenten Farben durch rosa Luft, wenden sich einander zu. Hände, Füsse finden und entfernen sich. Die erdige Schwere fällt weg. Visionäre Dimensionen öffnen sich.

    Text: Dorothe Freiburghaus, 2009