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Abstract Corporeal Thought (in a Room) Nr. 5
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  • mural
  • 4.15 x 2.51 x 3.48 m
  • Oil and bone ash pigments with acrylic underpainting, LED spotlight
  • 2012
  • Palazzo Wyler, 2012
  • Betritt man Renée Magañas Wandgemälde-Zimmer, wird man zu allererst irritiert. Die übliche räumliche Ordnung ist komplett aufgehoben. Statt in vier Wänden und vor einem Fenster steht man in einem schwarzen Nichts – umgeben von einem weissen, hohl-würfeligen Gebilde, das aus lauter knöchernen Verkettungen und zäh-verwobenem Körpergewebe zu bestehen scheint. An gewissen Stellen lassen sich Fingerglied- oder Ellenknochen ausmachen, andernorts meint man Zellkörper zu entdecken. Oftmals verwandeln sich diese organischen Elemente aber in rein abstrakte Formen und verleihen dem Gebilde eine aufwühlende Undefiniertheit.
    Worin befinden wir uns? Ist es das Skelett des Raumes, das hier in metaphorischer Weise entblösst vor uns liegt oder sind wir gar in einer käfigartigen Konstruktion aus Knochen?
    In das schier endlos wirkende Schwarz hineinwachsend, erzeugt diese Struktur ein diffuses Raumgefühl. Die sonst parallel laufenden Linien eines Raumes sind verzerrt. Zusätzlich bricht das eine Ende abrupt ab und tropft verletzt aus. Wir wähnen uns in einem Raum ohne feste Koordinaten, wo sonst geläufige Wahrnehmungsmuster nicht mehr zu greifen scheinen.
    Allerdings bleibt es bei weitem nicht beim irritierenden Raumgefühl. Vielmehr wirkt sich die räumliche Um-Ordnung mit der Zeit auf die eigene Körperwahrnehmung aus. Der Raum beeinflusst das leibliche Empfinden und führt zu spezifischen Regungen. So scheint die gemalte Struktur bedrängend, man verliert sich in der schwarzen Tiefe oder meint Teil eines Organismus zu sein. Empfindungen von Enge, Leere oder Dichte. Vom eigenen Körper, der sich schmälert, weitet oder verbindet.
    Malerische Mutationen interagieren mit körperlichen Gefühlen.
    Für den französischen Philosophen Maurice Merleau-Ponty steht das leibliche Erleben, das Erleben der eigenen Körperlichkeit in enger Verbindung mit der Wahrnehmung von Räumlichkeiten. Ohne das Spüren des eigenen Leibes würde es nach Merleau-Ponty nicht möglich sein, den umgebenden Raum zu erfahren.
    Magañas Arbeit kann als freie Erweiterung von Merleau-Pontys Grundgedanken gelesen werden, die eine wechselwirkende Verbindung von Raum und körperlicher Erfahrung erzeugt. Raum als Körper. Körper als Raum.

    Gabriel Flückiger, Februar 2012

    Foto: © Chris Daeppen & Kaja Azzati