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PALAZZO WYLER
Detail
  • 2012
  • Rasen im Schlafzimmer

    Eine Gruppe Berner Kunstschaffender verwandelt mit Installationen und Interventionen
    ein Abbruchhaus in den «Palazzo Wyler», einen Kunstraum auf Zeit.

    Die Parkettstäbchen sind vom Boden gelöst und bilden bizarre Gebilde im Raum, als habe ein starker Wind sie aufgewirbelt und sei dann mitten in der Bewegung eingefroren. Auch in den Einbauschränken der Küche wuchern Skulpturen aus Parkettholz. Ein wenig erinnern die Gebilde, die Richard Hummel in einer leer stehenden Wohnung schafft, an den legendären Merz-Bau von Kurt Schwitters. Formal ruhiger wirken die Arbeiten, die Kilian Mutter in den gleichen Räumen und mit dem gleichen Ausgangsmaterial gestaltet. Er verlegt einen Teil des Parketts neu an der Wand und umgibt es mit einem dekorativen Rahmen. Auch der Teppich findet sich als Mosaik an den Wänden wieder. Hier ist gleichsam der Raum gekippt. Nicht nur das Parkett nimmt an der Wylerringstrasse 77 ganz neue Formen
    an. Das Haus mit den Maisonettewohnungen soll im März abgerissen werden. Eine Gruppe Berner Kunstschaffender arbeitet nun daran, das Gebäude in ein begehbares Gesamtkunstwerk auf Zeit zu verwandeln. Am letzten Februarwochenende feiert der «Palazzo Wyler» Vernissage und Abschied in einem. Danach weichen die Rauminstallationen Neubauplänen.

    Leerräume
    Begonnen hat alles ganz klein mit einem Atelier. Anfang des Jahres 2011 zog der Künstler Boris Billaud ins Wyler-Quartier und machte sich auf die Suche nach einem Atelier in der Nähe. Über seine Hausverwaltung, die Wyler Baugesellschaft Bern AG, erfuhr er vom geplanten Neubau an der Wylerringstrasse 77. Gegen eine befristete kulturelle Nutzung des Abbruchhauses hatte die Baugesellschaft nichts einzuwenden. So richtete Billaud sich in einer der Wohnungen einen Arbeitsraum ein, mit Pinseln und Farben und der Idee, einen Kunstort für ein knappes halbes Jahr zu schaffen. Der «Palazzo Wyler», von dem Billaud träumte, sollte sechs Wohnungen bespielen und thematisch mit Berns altem Armenquartier verbunden sein. Billaud lud Kunstschaffende wie Renée Magaña und Richard Hummel ein, die ebenfalls im Wyler-Quartier wohnen. Doch musste die Palazzo-Idee der realen Situation angepasst werden, weil nicht auf Anhieb genug Wohnungen zur Verfügung standen. Viele Mieter zogen nur unwillig aus dem Haus an der Wylerringsstrasse. Kein Wunder, günstige Wohnungen sind in Bern Mangelware. Auch jetzt, wenige Wochen vor dem geplanten Abriss, sind noch sechs Wohnungen bewohnt.

    Lebenszeichen
    Die Spuren ehemaliger Bewohner, die Sozialgeschichte des Quartiers und die architektonischen Gegebenheiten des Gebäudes inspirieren die mittlerweile rund 20 Kunstschaffenden, die nun Raum um Raum mit Installationen und Interventionen füllen. Aus der Palazzo-Idee wurde ein kontinuierlich wachsendes Projekt einer so heterogenen wie engagierten Kunstgemeinschaft. Lisa Jenni und Anna Kurz haben sich von dem Gebäude zu Geschichten rund ums Wohnen anregen lassen, die sie in eine Performance mit Musik verwandeln. Martin Möll hütet fremde Lebensspuren in seiner fein säuberlich archivierten Sammlung verlorener Handschuhe. Alain Jenzer zeigt, wie wir normalerweise mit den Lebenszeichen Fremder umgehen, indem er zwei Räume blitzblank reinigt und renoviert. Untergang ist das Thema einer performativen Installation, die Karim Patwa und «Palazzo Wyler»-Initiant Boris Billaud vorbereiten. Auf die Auflösung des Hauses spielt auch das schwarze Kabinett an, das Renée Magaña in einem Zimmer eingerichtet hat. Weisse Muster erzeugen bei Schwarzlicht eine irreale Raumwirkung. Marco Giacomoni löst Grenzen auf und holt ein Stück Rasen in eines der früheren Schlafzimmer. «Die Leute, die hier im Quartier wohnen, gehen nicht unbedingt in Kunst-Ausstellungen», sagt Tobias Rechsteiner vom Kuratorenteam Raum No. Gemeinsam mit seinen Co-Kuratoren Ba Berger, Andreas Wagner und dem Künstler Gabriel Flückiger reagiert er auf die Sozialstruktur in Haus und Nachbarschaft. Aktionskünstler San Keller hat für das Team eine Performance entwickelt, die mit dem Zusammentreffen von Kunstfernen und Kunstschaffenden spielt und für die am Vernissagen-Wochenende einige
    Schauspieler im Haus unterwegs sein werden. Sollte Sie plötzlich jemand in ein Gespräch verwickeln, könnte es sich
    dabei um Kunst handeln.

    Alice Henkes, Der Bund, 21. Februar 2012