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Rund-standbewegt-Bilder, Zeitraum ab 2012; 2012/2015 Rund-standbewegt-Bild Nr 5 (©2017, ProLitteris, Zürich)
  • Judith Rutishauser

  • Rund-standbewegt-Bilder, Zeitraum ab 2012; 2012/2015 Rund-standbewegt-Bild Nr 5 (©2017, ProLitteris, Zürich), 2017
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  • 30.10 cm
  • Öl auf Vinyl
  • 2017
  • Werkgruppe: Rund-standbewegt-Bilder (ab 2012)

    Technik: Öl auf Vinyl; diverse Motoren

    Eine Recherche, gestaltete Reflektionen dezentraler offener Formen, welche auf unterschiedliche Weise, auch durch Bewegung, in der Wahrnehmung miteinander in Beziehung stehen.
    Weiteres Thema: optische Farbmischung.

    Werkbezüge:
    2019 rund-bewegt: dance – tanz!
    digitaler Film, 16:9 / (1:1.78), Farbe, Ton, 12 Minuten 33 Sekunden, AJR Produktion, Experimentalfilm (ISAN: 0000-0005-7A84-0000-R-0000-0000-U)
    Sowie: „La vie en rose“, Drehbuch (4. Fassung, Februar 1999) von Judith Rutishauser, Szenen 44 und 45 Seite 21

    2017 Rund-standbewegt-Bilder Nr 1 bis Nr 7; 2012/2015 Rund-standbewegt-Bilder Nr 1 bis Nr 7
    Idee war Schallplatten als Träger zu verwenden, um eine runde Form zu erhalten. Die Grösse ist normiert, standardisiert (vom Alltag vertraut) und die Form schön und exakt gebildet. Die Platten sind inzwischen im Brockenhaus, oder auf Flohmärkten günstig zu kaufen. Mit Bewegung zu arbeiten drängt sich auf und den Plattenspieler, oder einen dimmbaren Motor zu nutzen. Meine bisherigen Instrumente sind Umnutzungen bestehender Geräte mit Motoren, wie Ventilatoren, alte Druckerelemente und ähnliches.
    Ziel ist, eine Vielschichtigkeit zu finden, welche Stand- und Bewegtbild verbinden und in Form bringen, mit expressiven Farben und Linien. Attraktivität, Anziehungskraft, Schönheit, das interessiert mich.
    Marcel Duchamps Rotoreliefs von 1926 wurden ein Bezug. Diese erneut anzuschauen und zu lernen, ist Inspiration, auch wegen der Frage nach wirkungsvollen Linien, Formen, Farben und Bewegungen. Der historische Bezug und zu dieser Generation ist eine Herausforderung. Für den siebenminütigen Animationsfilm Anémic Cinéma hat Marcel Duchamp zehn abstrakte Zeichnungen benutzt. Mit Hilfe von Schallplatten als Träger wurden auch Wörter als spiralförmige Wortspiele animiert. Der Film wurde in Zusammenarbeit mit dem Filmemacher Marc Allégret in Man Rays Atelier in Paris realisiert. Er war für den Kunsthandel gedacht und wurde unter dem Pseudonym Rose Selavy vertrieben. Erotische und (Anti-)Postulate bewegte diese Generation. Beabsichtigt waren vor- und zurückbewegte Bewegungen als ‚erotische Rhythmen’ zu suggerieren. Des damals noch jungen Mediums Film, bemächtigte sich in dieser Zeit eine Künstlergeneration, die von der Malerei und älteren Kunstpraktiken geprägt und vom neuen Medium fasziniert war.
    Mich interessiert Malerei und Bewegtbild zu verbinden und in Beziehung zu setzen. Einer anderen Generation und Zeit angehörend, bemächtige ich mich dieser Praxis anders und auch, um die Wahrnehmung von Genres und Denken in Kategorien erfahrbar zu machen und zu hinterfragen. ‚Erotik’ dürfte kaum durch diese illusionären Bewegungen repräsentiert sein. Duchamps Reliefs wirken optisch reizvoll. ‚Retinal’ ist ein Wort mit dem Duchamp den Charakter der Malerei ‚abschätzig’ umschrieb, die er dank neuen Möglichkeiten wie dem Film zu überwinden suchte. Fotografie und Film (Kino) haben zu Beginn des 20. Jahrhunderts neue visuelle Massstäbe für die Kunst gesetzt und neue Möglichkeiten eröffnet. Soziale, historische und philosophische Entwicklungen verändern den Blick auf die Kunst und deren Geschichte stetig – wie beispielsweise die feministische Kritik – und das ist von Bedeutung.
    Wie bewusst uns heute und in alltäglichen Prozessen und Lebenszusammenhängen Wahrnehmungsprozesse und die Verarbeitung von Sinneseindrücken sind, ist eine weitere Frage.
    Besonders eindrücklich fand ich Judith Butlers Gedanken zum demokratischen Zusammenleben. Sie sprach von der Notwendigkeit als Person die Freiheit zu haben „to become decentred“ [dezentralisiert aus eigenen zum Beispiel religiösen Kontexten] als Basis um in einem demokratischen Sinn am zivilen Leben und politischen Zusammenleben teilzuhaben. Für mich ein Bewusstseinsparadigma für ein aktives, teilnehmendes ethisches Leben in einer zu schaffenden, oder bestehenden Demokratie als politisch-sozialer Form.
    Die Rund-bewegt-Bilder sind gestaltete Reflektionen dezentraler offener Formen, welche auf unterschiedliche Weise und durch Bewegung in der Wahrnehmung miteinander in Beziehung stehen. [Titelvarianten sind: Rund-bewegt-Standbilder / Stand-bewegt-Rundbilder / Rund-stand-bewegt-Bilder]
    (Texte zu Werken, 04.01.2015 / 25.03.2016 / 01.12.2017; veröffentlicht am 26.06.2018 OVRA Archives; Zitat: Judith Butler und Micha Brumlik im Gespräch am 15.09.2012 im Jüdischen Museum Berlin, moderiert von Andreas Öhler, Gehört der Zionismus zum Judentum? siehe http://www.youtube.com/watch?v=VsTlsWZId7s Kontext: 1:19:00, Zitate: 1:22:38, 1:23:05, [...] there is a decentering of Jewish perspective that has to happen for cohabitation to get thinkable. [...| I have to allow myself to become decentred in order to have an ethical relation to others and to participate in a democratic way of life. [...]; Anémic Cinéma siehe Scheugl, Schmidt, Eine Subgeschichte des Films, 1. Band, suhrkamp, 1974, S. 228 bis 233; Zum Begriff ‚retinal’ siehe: A Conversation with Marcel Duchamp, 1956 https://www.youtube.com/watch?v=DzwADsrOEJk: „Painting should be not only retinal, or visual, it should be... should have to do with great matter of our understanding.“ [21:54-22:19]; „To live is to believe, that’s my believe“ [28:45]).

    06.08.2010 „Ständige Bewegung, Mittelpunkt und Musik“ (Auszug aus dem Aufsatz über Annemarie Schwarzenbach)
    [...] Wie wäre diese Haltung und kritisch auf die grossen Weltreligionen bezogen einzuordnen? Ist das Rätsel ‚Leben’ lösbar? Kann es sein dass alle denkbaren Vorstellungen wahr sind? Eine Lebensweise zu finden, die verschiedene Antworten zulässt wäre sinnvoll, bei der die Lebensführung im Jetzt und die immer wieder neu zu treffenden Entscheidungen im Mittelpunkt stehen. Denkbar, dass es immer, auch im Hier-und-Jetzt, oder nie eine Erlösung gibt – für jene ‚gequälte Seele’. Vielleicht ist es ständige „Bewegung“. Sollte es diese geben müsste es Ruhe geben, oder eine andere Bewegung, in eine andere Richtung, oder Bewegungen zwischen verschiedenen Punkten, die sich vielleicht ihrerseits bewegen: Diesem Unbeschreiblichen kommt vielleicht Musik sehr nah! Musik deren Ursprung und Sinn wir nicht kennen und die ganz zweckfrei zu sein scheint. Macht sie solche unendlichen Bezüge und Zufälligkeiten deutlich und hörbar? Es ist denkbar, dass die Sprache mit demselben Beziehungsgeflecht verbunden ist. Mit Annemarie Schwarzenbachs beschworener ‚Magie der Worte’, herbei geschrieben, oder herbei geredet, könnten sich Ereignisse scheinbar durch dieses Geflecht erfüllen, ohne dass wir die Zusammenhänge verstehen, oder begreifen könnten. So wie es die Gestalt Buster Keatens anhand einer seiner Slapsticknummern vorführt, wenn seine Figur plötzlich die Kraft hat, einen ganzen Eisenbahnzug mit lässiger Leichtigkeit und einer einzigen Handbewegung zu bremsen und wieder anzuschieben. Vielleicht ist nicht nur unsere Fantasie, sondern sind sogar wir selbst Anteil solchen Geflechts. Wir wissen es nicht. Annemarie Schwarzenbachs Sehnsucht, Sprache in Musik aufzulösen, gestaltet insgeheim die Frage nach Differenz, oder Einheit von Geist und Körper. [...]
    Bei den Rund-standbewegt-Bildern ist das Zentrum, der Mittelpunkt leicht zu verstehen, es ist ein Loch, eine Leerstelle des Gemäldes, dank dem es sich regelmässig drehen lässt. Auch die Musik ist präsent, die einmal im Träger, einer Vinylplatte, eingeritzt wurde – stumm schwingt sie mit.
    (Auszug, Aufsatz Annemarie Schwarzenbach, Hintergrundtext zum Filmprojekt, Typoskript, 16. Fassung vom 06.08.2010, Seiten 123-124; Texte zu Werken, ausgewählt und ergänzt 2018, veröffentlicht am 15.07.2018 OVRA Archives)